Tobias Gralke
Autor | Performer

In Ermangelung einer Online-Version der Zeitung:
(Die Fragen stellte Wehwalt Koslovsky)

Tobias Gralke geht bei den diesjährigen Baden-Württembergischen Poetry Slam-Landesmeisterschaften als Titelverteidiger ins Rennen. Gemeinsam mit ihm kommen 32 Herausforderer – Wortakrobatinnen und Sprechkünstler aus dem gesamten Ländle, von Karlsruhe bis Konstanz – am 11. und 12. Oktober in Ravensburg und Weingarten zusammen, um ihm die Krone streitig zu machen.
Im Interview spricht der 22-jährige Dichter und Slam-Veranstalter aus Freiburg über Erwartungen, Träume und die Konkurrenz.

Tobias, mit welcher Erwartung kommst Du als amtierender BaWü-Slam-Champion nach Ravensburg und Weingarten?

Mit keiner anderen als die vielen anderen Teilnehmer vermutlich auch: ein fantastisches Wochenende mit Freunden und Weggefährten, eine liebevoll organisierte Meisterschaft, Texte und Typen aller Couleur, ein aufmerksames und begeisterungsfähiges Publikum. Die Finalteilnahme wäre schön, aber jede andere Erwartung ist bei dem Teilnehmerfeld vermessen.

Wie schätzt Du Deine Konkurrenten ein? Vorrunde 3, in der auch Du antrittst, wird unter Kollegen scherzhaft als „die Todesrunde“ bezeichnet.

Wieso scherzhaft? Die baden-württembergische Szene ist sowieso schon eine der stärksten bundesweit, und in Gruppe 3 sind einige dabei, die ich als Favoriten auf dem Zettel habe. Da können Tagesform und Startplatz entscheiden und sicher auch vieles Unvorhergesehenes. Frei nach Béla Réthy: Die Meisterschaft hat ihre eigenen Gesetze. Auch die anderen Gruppen haben es in sich. Dadurch, dass es dieses Jahr so viele Teilnehmer gibt, kenne ich manche auch nur vom Namen oder gar nicht. So kann sich mancher, den man nicht auf der Rechnung hat, als überraschende Turniermannschaft entpuppen. Bei mir war das 2012 ja ähnlich…

Slam, so hört man immer wieder, sei für jeden Poeten etwas anderes. Welchen Reiz hat das Format für Dich persönlich – oder anders gefragt: Warum machst Du diesen Wahnsinn mit?

Das stimmt, aus dem Format zieht sicher jeder etwas Spezielles für sich, das er nur dort findet. Ich denke, das unterscheidet sich auch je nach der Intensität, mit der der Einzelne dem Ganzen nachgeht. Bei mir hat sich das zum Beispiel verändert in den letzten dreieinhalb Jahren: Am Anfang war einfach der Impuls, auf die Bühne zu gehen und auszuprobieren, wie der selbstgeschriebene Text ankommt. Dann habe ich nach und nach erst entdeckt, welche Möglichkeiten die Szene bietet. Ich wollte überall auftreten, wo es ging. Plötzlich stand ich in Kiel auf der Bühne und dachte: Du saßt doch gerade eben noch in der Schule, und bekommst auf einmal Geld dafür, dass du für 5-10 Minuten in ein Mikrofon sprichst. Menschen schätzen, was du tust! Du bist unterwegs mit nichts als Worten im Kopf, und das ist, was du immer wolltest. Das kann gerade am Anfang verlockend und trügerisch sein, wenn man Applaus und den ganzen Zirkus mit ICE-Touren und Groupies (und das meine ich nicht als Scherz) nicht einordnen kann. Heute ist es eine Mischung aus vielen Faktoren: Entstandene Freundschaften, liebgewonnene Veranstaltungen, natürlich auch ein Gefühl für ein eigenes Werk, das stetig weiterwächst, Verbundenheit der Szene und der Spoken Word-Kultur gegenüber. Der Wunsch nach Anerkennung ist natürlich dabei, auch wenn sich da mit der Zeit eine gewisse Souveränität einstellt. Es gibt so viele Gründe! Für manchen ist es vielleicht auch einfach das Freibier oder eine allgemeine Freude an der unvergleichlichen Atmosphäre eines Slam-Abends. Zurzeit denke ich immer wieder: Wo sonst habe ich die Möglichkeit, vor 500-1000 Leuten mit einem Gedicht aufzutreten?

Du bist mittlerweile ziemlich herum gekommen in der Slam-Welt. Was unterscheidet BW von anderen Regionen, beispielsweise Bayern, NRW, Hamburg oder Berlin?

Auf den ersten Blick sind die Unterschiede gar nicht so groß. Es ist ja überall das gleiche Format, fast überall ein ausverkaufter Abend, eigentlich immer eine vertraute Struktur. Die Unterschiede liegen eher im Detail: Die Veranstaltungen in Berlin sind beispielsweise wesentlich heterogener als in Bayern, wo sich die Szene auf weniger Veranstalter verteilt. Die Szene in Baden-Württemberg setzt sich aus relativ vielen Veranstaltern zusammen, die sich ungefähr den verschiedenen Ballungszentren zuordnen lassen. Ich denke, die Slam-Master prägen eine lokale Szene heute sogar viel stärker als die Poeten auf der Bühne, da doch der Großteil unterwegs und damit in vielen Städten zu sehen ist. Da gibt es natürlich große und immer wieder erstaunliche Differenzen: Lasse ich mit Punkten oder Applaus abstimmen? Findet der Slam in der Kneipe oder im Theater statt? Wer wird eingeladen, auf der Bühne zu stehen? Wie professionell ist eine Veranstaltung? Interessant ist das vor allem im Bezug aufs Publikum. Ich habe erst durch Poetry Slam begriffen, dass dieses ganze Mentalitäts-Gerede gar nicht so abwegig ist, wie man vielleicht denkt. Es gibt einfach Erfahrungswerte, die für sich sprechen: Städte, in denen ich mit dem besten Auftritt nicht durchbreche. Regionen, in denen die Erfahrungswelt einfach zu weit weg ist von der eigenen Art zu schreiben. Auch wenn das durch ein oft größtenteils studentisches und damit zugezogenes Publikum aufgeweicht wird, sind die Unterschiede existent, ohne sie jetzt konkret benennen oder erklären zu können. Für mich war das aber zum Beispiel vor zwei Jahren mit ein Grund nach Freiburg zu ziehen: Das Gefühl, dort immer noch ein bisschen bessere Resonanz auf meine Texte bekommen zu haben. Das lässt ja auch auf Verständnis schließen und vielleicht auch auf so etwas wie ein Zuhause.

Was ist das Besondere am Poetry Slam, das dieses Literaturformat – nicht nur im deutschsprachigen Raum – so erfolgreich macht?

Ich denke, das sieht jeder sofort, der einen Poetry Slam erlebt hat: die Unmittelbarkeit der Bühne, die sonst nur Theater und Konzert bieten können. Von diesen unterscheidet sich Poetry Slam dann speziell noch einmal in der Beteiligung des Publikums. Natürlich ist der Wettbewerb zweitrangig, aber als dramaturgischer Faktor ist er enorm wichtig: Nirgendwo sonst ist Kunst so demokratisch, ein Abend so vom subjektiven Geschmack abhängig wie hier. Bei vielen Veranstaltungen ist das Distanzgefühl zwischen Zuschauer und Künstler auch einfach nicht so groß. Bei aller folgerichtigen Professionalisierung des Genres halte ich es auch für wichtig, dass diese Basis nicht verlorengeht, die Jedem, der möchte den ersten Schritt auf die Bühne ermöglicht. Zu alledem kommt der immer wieder neue und unvorhersehbare Ablauf des Abends hinzu, der im Zusammenspiel verschiedenster Einzelner entsteht und Fallhöhen genau wie Absprungmöglichkeiten schafft: Im besten Fall haben die Zuschauer an einem Abend die verschiedensten Gefühlszustände durchlebt, die sich am Ende in Begeisterung auflösen. Ein Abend, an dem ich nur lache, ist sicher auch schön, wirkt aber immer ein wenig schal. Habe ich noch etwas vergessen? Achja: Vieles was auf der Bühne passiert, ist auch einfach wahnsinnig gut.

Worauf legst Du mehr Wert? Auf einen guten Text oder eine gute Performance?

Achje, das lässt sich ja gar nicht trennen. Der beste Text ist nichts ohne die richtige Vortragsweise, das spektakulärste Gehampel nichts ohne wenigstens ein paar treffende Zeilen. Auch mit Gestik und Mimik kann ich ja Dinge erzählen. Dazu kommt, dass die eigentliche Kunst auf der Bühne darin besteht, den Text, der ja in 99,9 % der Fälle bereits fertig verfasst ist, mit Leben zu füllen. Das ist das, worum es Abend für Abend geht. Der Text entwickelt sich dann möglicherweise noch weiter, bleibt aber in seiner eigentlichen Entstehung eine Sache des stillen Kämmerleins und deswegen dem „Slam-Alltag“ entrückt. Grundsätzlich empfinde ich mich aber trotzdem als Dichter, der sich auf eine Bühne stellt. Gerade die Performance ist etwas, das sich bei den allermeisten erst mit einer gewissen Erfahrung entwickelt. Trotzdem kann ein Debütant auf der Bühne mit zitternden Händen den lustigsten Text der Welt vorlesen oder mit schüchterner Stimme das Publikum zu Tränen rühren. Es geht natürlich um den Text.

Siehst Du Dich in fünf Jahren noch immer auf Slam-Bühnen?

Ganz ehrlich? Ich denke nicht. Zumindest nicht in der Intensität, mit der ich es jetzt tue. Dafür habe ich noch zu viele andere Pläne. Aber andererseits ist Poetry Slam eine der besten Sachen, die mir je passiert ist. Viele Chancen hätte ich sonst nie gehabt, viele Menschen nie getroffen, die heute fest zu meinem Leben gehören. Ich werde immer schreiben und stehe viel zu gern auf der Bühne, als dass ich darauf verzichten könnte. Ich werde in fünf Jahren aber sicher nicht mehr so viel unterwegs sein, sondern hoffentlich irgendwie ein sinnvolles Maß gefunden haben, das mir genug Raum lässt für andere Vorhaben. Die wenigsten bleiben ja dabei, rein auf Poetry Slams aufzutreten. Jeder findet für sich irgendwann eine persönliche Spielart des Ganzen und bleibt der Szene in den allermeisten Fällen auch trotzdem verbunden.