Tobias Gralke
Autor | Performer

10.8.2016, Freiburg – Summertime

Sommer ist es und ich habe keine Zeit für nichts, was mir nicht wichtig ist. Das hier ist mir ein bisschen wichtig, darum hier in aller Kürze. Ich ziehe bald um. Ich reise bald an die Ostküste. Ich habe jetzt eine Facebook-Seite. Ich arbeite auch viel. Das Leben ist schön. Tschautschüss.

 

17.1.2016, Freiburg – Bruchstücke

Der kommende Februar bringt die Veröffentlichung einer CD, auf die ich sehr stolz bin:

Der Eintritt in die Demenz, oft verbunden mit dem Umzug in ein entsprechendes Heim, bedeutet einen Bruch im Lebensverlauf, der von den Betroffenen auch als solcher erfahren wird. Der Titel der Audio-CD bezieht sich aber auch auf die mentalen Vorgänge: Das Bewusstsein zerfällt in kleinere Einheiten, einzelne Teile eines zerbrochenen Ganzen, die dadurch oft zusammenhangslos wirken, jedoch eine enorme Aussagekraft und sprachliche Schönheit besitzen. Dieser Idee folgend, löst Slam-Poet Tobias Gralke die Gedanken und Fragmente aus diesem Buch aus der Gesprächssituation, verdichtet und kontextualisiert sie neu. Ergänzt durch Originalzitate und Lieder werden aus dem Bruchstückhaften neue Stücke, die sich der Erfahrungswelt der Betroffenen auf rhythmische, sinnliche, poetische Weise nähern und den in ihren Äußerungen gespeicherten Emotions- und Sinngehalt in künstlerischer Form hervorbringen und weitergeben.

Mit Originalzitaten und Liedern, gesprochen und gesungen von Menschen mit Demenz
Texte / Dramaturgie / Sprecher: Tobias Gralke
Aufnahme / Musikalische Leitung / Gesamtdramaturgie: Ro Kuijpers
Editiert von Ro Kuijpers
Gemischt und gemastert @ Backyard Mastering 2015: Caspar Mussler
Gesamtprojektleitung: Margarethe Mehring-Fuchs, Kathrin Feldhaus

Die CD liegt dem Buch “Wenn der Kopf hinausgeht, ganz weit fort. Wie Menschen mit Demenz das Leben sehen“ bei und erscheint am 15. Februar 2016 im Patmos Verlag!

26.10.15, Freiburg – Über Neues

Neulich bekam ich den Hinweis, dass die Rubrik Neues auf dieser, meiner Seite ja doch sehr verwaist sei. Auf meine halbherzige Verteidigung, da schaue doch eh keiner drauf, hieß es sogleich, das würden sehr wohl einige tun, ob es denn wirklich nichts zu berichten gäbe? Oh, aber sicher doch, reckte ich da meine Nase in die Höhe und begann zu hirnen und zu listen, was in den zwei Jahren seit meinem letzten Eintrag hier alles Nennenswertes passiert war. Und sieh da, vom Druck der Tagesaktualität bzw. Likeakkumulation befreit, nach Ausmerzung aller Privatismen schrumpfte die Erzählmasse auf ein überschaubares Maß zusammen. Was blieb, fasse ich gerne hier zusammen.

Im Januar 2014 hatte am Badischen Staatstheater in Karlsruhe Daniel Pflugers Sommernachtstraum Premiere, für den Clemens Ryknowski und ich eine ganze Reihe von Liedern geschrieben haben. Das ist so lange her, dass ich nicht einmal mehr weiß, wieviele. Die Kritiken waren sehr freundlich, der Abend wird noch immer gespielt. Im Januar 2016 zum 42. und letzten Mal, krass. „Wir kommen nicht, als sollt ihr euch daran ergetzen; / Die wahre Absicht ist – zu eurer Lust allein / Sind wir nicht hier – daß wir in Reu und Leid euch setzen.“

Im Sommer 2014 gab ich die Moderation des von mir gegründeten Räng Teng Slams in unverbrauchte Hände. Genau ein Jahr später sagte ich dann nach zwei Jahren auch im Café Atlantik Adieu. Beide Veranstaltungen wurden danach von mir incognito besucht und blühen wie eh und je, was mich sehr froh und stolz macht.

Im Herbst 2014 durfte ich bei den Deutschsprachigen Meisterschaften in Dresden bis ins finale Stechen vordringen und von dort den dritten Platz mitnehmen. Mit meinem Bühnen- und Teampartner Philipp Herold durfte ich den Song Slam gewinnen, mit allen anderen ein paar entrückte Tage verbringen, die mir so weit weg erscheinen wie ein Kinderurlaub auf Bullerbü. PEGIDA war noch nicht geboren und meine Stimme noch da. Danach zog ich mich etwas aus der Szene zurück und begann am Freiburger Theater mein Glück zu suchen.

Im Frühjahr 2015 durfte ich Teil des Freiburger Theaterprojekts Völkerwanderung sein, über das ich nicht genug Begeistertes schreiben kann. Im Nachhinein wegweisend, schon damals eine prägende Zeit für jeden, der dabei war.

Im April 2015 luden Sophie Passmann und ich zum letzten Mal zu unserer Late Night Show. Wir wussten nichts über unsere Gäste und waren umso neugieriger auf sie. Aufbewahrt haben wir wenig, nur dieses Video vom Besuch einer Trachtenkapelle und ein paar Zeilen über drei der insgesamt fünf Shows.

Im Mai 2015 hatte ich gemeinsam mit meinen lieben Kollegen Theresa Hahl und Jason Bartsch zwei Auftritte mit dem SWR-Sinfonieorchester, die uns große Freude bereitet haben. Die geplante Kettensägenperformance wurde herausgenommen, aber gesehen hatten wir sie dennoch. Die Arbeit war jedenfalls sehr vielversprechend und wird im Mai 2016 eine Fortsetzung mit dem Stuttgarter Ensemble feiern.

Im Juni 2015 hatte Simon Schneckenburgers Verfilmung meines Kurzfilmdrehbuchs Den Regen im Blick Premiere im Freiburger Kandelhof. Kein halbes Jahr später hat er den Freiburger Video Grand Slam gewonnen und ist für den Deutschen Nachwuchsfilmpreis 2015 nominiert. S’is der Woahnsinn.

Im Juli 2015 durfte ich mit einer Horde wildgewordener Dritt- und Viertklässler am Freiburger Theater unser gemeinsames Stück Wir können nicht schlafen! aufführen. Selten hat Theater mir mehr Spaß gemacht, als in dieser Zeit.

Im Oktober 2015 begannen Valentin Gienger und ich uns digitale Postkarten zu schreiben, die für jeden mitlesbar von seinem Leben in Jerusalem, meinem in Deutschland und dem Zusammenhang beider erzählen.

Und ebenfalls im Oktober 2015 beendete ich die Aufnahmen zu einer CD, die im Februar 2016 erscheinen und zu gegebenem Zeitpunkt noch angemessen beworben werden wird.

Und ebenfalls im Februar 2016 darf ich im Südufer, der neuen Spielstätte der freien Freiburger Theaterszene, die Uraufführung 7 botanische Kanons des Komponisten Clemens K. Thomas inszenieren.

Und wie immer ist das nur eine Auswahl. Menschen, Reisen, Wetterumschwünge. “Dazwischen Schnitte / und Löcher / Auslassungen / geschmückte Erinnerungen / Gesprächsfetzen aus fröhlich-feuchten Selbstvergewisserungsrunden” . (Toby Hoffmann)

Ein bisschen Gezwitscher, ein bisschen diesdas.

Ab jetzt wieder häufiger,
Tobias

29.12.13, Ostfildern – Zwischen den Jahren

Eigentlich wollte ich still bleiben in diesen letzten Tagen des Jahres, die doch arg gereizte Stimme zur Ruhe kommen lassen, den Kopf mit Neuem füttern, anstatt ihm sofort wieder Zeilen abzuringen. Jetzt, zwischen zwei Tassen Tee, zwischen Ralf Rothmann und Aristoteles, zwischen den Jahren also doch ein paar Zeilen, während vor dem Fenster die ersten Raketen explodieren, und ich die Beine auf dem Sofa ausstrecke am Ende des Jahres 2013. Wirklich, ich habe nicht die geringste Lust, nach draußen zu gehen in diesen Tagen: Badewanne, Bücher und abwechselnd Kaffee, Tee, Wein. Häusliche Bequemlichkeit hat sich noch nie so gut angefühlt wie jetzt. Nur der Supermarkt vor der Tür stellt ein lohnenswerte Ziel dar, bis eben die Tatsache ins Bewusstsein dringt, dass es Sonntag ist und ein jeder vor sich hin dämmert, das Weihnachtsraclette im Magen, die Vorsätze noch nicht ganz ausformuliert im Kopf. Dann eben zurück und wieder aufs Sofa, ein bisschen erinnern: 2013 war vor allem ein trauriges Jahr, in künstlerischer Hinsicht aber ein Gutes für mich. Das zeigt sich dann in der Müdigkeit, die mich gerade befällt: So wenig zuhause war ich noch nie, geschätzte 80-100 Tage dürften es letztlich gewesen sein, und doch hat es mich immer wieder aufgenommen, fraglos und warm, wie es sein soll. Dafür habe ich ihm dieses kleine Lied geschrieben:

Und auch ansonsten habe ich Neues probiert. Hier kann man mir jetzt zum Beispiel auch folgen, wie es so schön heißt. Zum ersten Mal durfte ich im November gemeinsam mit Sophie Passmann den legendären Freiburger Atlantik Slam moderieren, aufwärmen für die Late Night-Show, die wir im Januar am Stadttheater auf die Bretter zerren. Ende Februar steht die Premiere des neuen Laut & Lyrik-Abends an, der schon bei den Proben eine einzige Freude ist. Genauere Termine hier.

Im Leander Verlag zu Jena ist diese herzallerliebste Anthologie über meine persönliche Lieblingsband erschienen, in der ich gemeinsam mit tollen Kollegen erzählen darf, wie das damals so war mit mir und Tocotronic, da wo ich jetzt sitze, in Ostfildern am Rande des großen Stuttgarter Kessels. Im Januar schließlich feiert am Karlsruher Staatstheater ein Stück Premiere, das ich gemeinsam mit dem aufstrebenden britischen Jungautor William Shakespeare geschrieben habe. Das heißt, er das Stück, und ich die Texte zu ca. 16 Liedern, die für den Abend vertont wurden. Das Stück heißt “Ein Sommernachtstraum” und ist für mich eines der größten der Welt, weswegen ich mich ganz einfach unfassbar geehrt fühle, das getan haben zu dürfen. Anmaßung hilft mir nur über den Vorabend und die Wartezeit hinweg und sei mir verziehen, wie überhaupt die geraffte Darstellung von so vielem.

Jetzt ist es bereits dunkel, und keine Raketen sind mehr zu hören, alle dämmern sie dahin. Der Magen knurrt, und der Kühlschrank ist leer. Ich werde nach draußen müssen. Auf bald, 2014!

20.10.13, Zug zwischen Basel und Freiburg – Meisterschaftsherbst

Die baden-württembergischen Landesmeisterschaften in Ravensburg und Weingarten liegen schon eine Woche zurück und haben mit Daniel Göring (Freiburg) einen grundsympathischen und verdienten Titelträger hervorgebracht. Ein Wochenende später bin ich schon wieder am Bodensee und genieße das Tour-Leben, wie es auch sein kann: Ein Spätsommertag in Lindau, mit goldgereiften Blättern, lieben Menschen und dem gelassensten Hund der Welt. Die Sonne legt eine Flutlichtstraße auf den See und schenkt uns für ein paar Stunden einen irreal anmutenden Zwischenort der Herkunft Zu schön, um wahr zu sein; bei Zwetschgenkuchen im Bahnhofscafé vertragen sich sogar Dortmunder und Bayern, und im Nachmittagsnebel flimmern utopisch die Alpen. Ansonsten gibt es gar nicht viel zu erzählen. Manches ist in Arbeit und noch nicht druckreif. Die letzten Monate des Jahres stehen mit diversen Auftritten, einer Moderations-Premiere und den deutschen Meisterschaften in Bielefeld bevor. Neue Texte wurden gefilmt, ein schönes Interview gegeben und viele Pläne gemacht. Die Proben für das neue Laut & Lyrik-Programm und das neue Semester beginnen, und ich versuche Schlaf nachzuholen, den ich mir selbst geraubt habe. Schon kurz hinter der Grenze ist der gefallene Regen greifbar, reflektieren die Straßen einen satten grauen Himmel, rasen einzelne Tropfen die Scheibe entlang. Irgendwann in den letzten Stunden muss es Herbst geworden sein, im IRE durchs Allgäu, während ich in der unmöglichsten Sitzposition vor mich hingedämmert habe. Um diese Uhrzeit lässt sich noch kein Schaffner blicken, stattdessen die Ansage: „Liebe Gäste, beginnen Sie Ihren Tag mit einem warmen Gebäck und einem frischgebrühten Kaffe!“, weist uns der Zugführer über die Lautsprecheranlage an und verschwindet knackend und grußlos in selbiger. Manchen Verlockungen widerstehe ich problemlos.

8.9.2013, Ulm – Kleinstadtblues

Nach einem Sommer (fast) ganz ohne Auftritte, bin ich seit ein paar Tagen wieder unterwegs mit Texten im Gepäck, in manch neuer Stadt, auch an vielen vertraute Orten. Jetzt gerade sitze ich in Ulm, in der Lobby eines Bahnhofshotels, mit Wohlfühlmusik aus den Boxen und Automatenkaffee neben mir. Schwer zu sagen, wie heiß es draußen wirklich ist, jedenfalls schwant mir Übles. Den Sommer habe ich zum ersten Mal seit Jahren komplett in Deutschland verbracht, in Hamburg, Berlin und Leipzig, aber auch an Orten wie Bayreuth, Weimar und Langeoog. Wirklich, wer so etwas wie die deutsche Seele sucht, der gehe in die Kleinstadt. Der gehe durch eine Stadt, in der an jeder Fassade ein Erinnerungsschild hängt, weil dort jemand gewohnt, gedacht oder gegessen hat. Der sehe sich einmal einen Ort wie das Bayreuther Festspielhaus an, der wirklich ausschließlich der Kunst geweiht ist. Der gehe aber auch an einem Freitagnachmittag über den Ulmer Münsterplatz und lasse sich von unverdrossenen AfD-Wahlkämpfern darüber aufklären, was denn nun eigentlich ihre vielgerühmte “Alternative” sei: Die Antwort lautet irgendetwas mit “ins Wahlprogramm schauen” und “Erspartes retten”. Ich wollte ihnen die EU-Flagge wegnehmen, die sie  frecherweise gehisst hatten; sie wollten sie behalten. Wählt die bitte trotzdem nicht. In zwei Wochen ist Wahl, und wie es diesem Land geht, kann man ganz gut ablesen an all den Plakaten eines feixenden Rainer Brüderle. Crisis? What Crisis? Man kann sich aber auch gegen diese allgemeine Lähmung wehren, einen Zug besteigen, den Kontakt suchen und den Dissens im Gespräch miteinander. Hören wir doch bitte einmal auf damit, so zu tun, als würde uns das alles nichts angehen. Es wäre weniger deprimierend.

Wir fahren jetzt nach München, wo es auch sehr schön sein soll. Im Oktober erscheint ein tolles Buch, ich sage dann Bescheid! Und bis dahin sehen wir uns hoffentlich in einer der vielen, vielen Städte, die ich in nächster Zeit besuchen darf. Ich freue mich drauf, ungelogen.

15.8.2013, Berlin – Eine neue Seite!

Herzlich Willkommen auf meiner neuen Website! Gemeinsam mit Valentin Gienger habe ich in den letzten Tagen an dem gearbeitet, was ihr hier seht. Wir haben wenig geschlafen, viel getrunken und uns in den Wirrungen der HTML-Kryptographie verlaufen. Nun ist sie fertig, wir sind unsagbar stolz und gehen erst einmal etwas trinken. Ich wünsche viel Freude auf und mit meiner neuen Seite und freue mich, wenn ihr öfter vorbeischaut.

Bestes,

Tobias